Kitastart - Eingewöhnung

„Ihr seid wie ein sicherer Hafen, von dem aus die Kinder die Welt entdecken. Und diesen Hafen brauchen die Kleinen auch in ihrem Kitaalltag.“

Kitastart?! 9 spannende Fragen und Antworten rund um das Thema Eingewöhnung

Eine neue Umgebung, viele unbekannte Menschen und Mama oder Papa sind auf einmal weg – für viele Kinder und Eltern ist der Kitastart eine große Herausforderung. Wie diese möglichst stressfrei gelingen kann und was dabei auch emotional in uns und unseren Liebsten vorgeht, hat uns Melanie Eckert verraten. Sie forscht seit Jahren im Bereich der Kleinkindpsychologie mit besonderem Fokus auf Eltern-Kind-Bindungen und teilt ihre Erfahrungen mit uns zum ersten großen Schritt der aller Kleinsten.

Der Kitaeinstieg ist ein aufregendes Ereignis. Was bedeutet das für unser Kind und vielleicht auch für uns Eltern?

Melanie Eckert: Ganz richtig, der Einstieg in den Kitaalltag ist ein großer Schritt für die ganze Familie. Es bedeutet aus der innigen Familienzeit im ersten Jahr in einen ganz neuen Rhythmus zu finden. Morgendlich stehen die Trennungen an und manchmal bleiben nur noch ein paar gemeinsame Stunden am Abend zum kuscheln und spielen. Und dann ist da natürlich immer noch die Sorge, ob es den Kleinen in der Kita auch wirklich gut geht.

 

Wie wichtig ist die Eingewöhnung für unser Kind und warum?

Melanie Eckert: Die Eingewöhnung ist sehr wichtig. Ziel ist es, dass Euer Kind gerne in die Kita geht, Spaß hat, mit anderen Kindern spielt, sich sicher fühlt und Ihr mit einem ruhigen Gewissen Euren Liebling dort lassen könnt. 

Für das Kind ist die Kita zunächst ein fremder Ort. Besonders in einer neuen Umgebung braucht Euer Kind erst einmal Eure Anwesenheit und Rückversicherung, dass es sich dort sicher fühlen kann.

Behutsam soll das Kind in der Eingewöhnung den Ort kennenlernen und vor allem Vertrauen und eine Bindung zu einer neuen Bezugsperson aufbauen. An diese kann sich Euer Kind dann wenden, wenn es getröstet werden möchte, sich wehgetan hat oder eine Kuscheleinheit braucht.

Keine Angst, sie soll Euch nicht ersetzen und Ihr werdet immer an erster Stelle stehen. Aber es ist wichtig, dass Euer Kind eine solche Bezugsperson in der Kita hat. Nur dann kann es sich sicher fühlen und die neue, aufregende Kitawelt mit den anderen Kindern erkunden – auch wenn Ihr nicht da seid. 

 

Warum ist eine neue Bezugsperson aus psychologischer Sicht so wichtig?

Melanie Eckert: Kinder brauchen zum Überleben und um gesund aufzuwachsen Bezugspersonen, die sich liebevoll um sie kümmern. Dafür hat die Evolutionsbiologie ein kluges Verhaltenssystem entwickelt, das Bindungssystem. Es beschreibt ein besonderes „emotionales Band“ zwischen einem Erwachsenen und einem Kleinkind.

Euer Kind macht in den ersten Monaten die Erfahrung, dass Ihr da seid, wenn es Hunger hat, ihm nicht gut geht oder es Angst hat. Ihr füttert, wickelt, kuschelt, tragt Euren Liebling im Tragetuch und vermittelt so Geborgenheit und Sicherheit. Das Unwohlsein, was sich im Körper als Stress äußert, wird gelindert. Mit einem halben Jahr schon haben sie dann verinnerlicht, dass es meist dieselben Personen sind, also Mama, Papa oder andere Bezugspersonen, und zu den bauen sie eine Bindung auf. Sie suchen nun intuitiv immer die Nähe dieser Bindungspersonen. Wir können diesen Entwicklungsschritt am „Fremdeln“ beobachten, wenn plötzlich nur noch Ihr die Kleinen trösten könnt. 

Sind keine Bindungspersonen in der Nähe, gehen bei kleinen Kindern die „Alarmglocken“ an und Stress wird ausgeschüttet. Biologisch macht das Sinn, denn es signalisiert eine potentielle Gefahr, die Kinder beginnen zu weinen und „rufen“ sozusagen ihre Bindungspersonen heran.

Wenn sich Euer Kind sicher fühlt und zufrieden ist, also keinen Stress hat, kann es die Umwelt erkunden, spielen und ausprobieren. Man kann sich vorstellen, dass Ihr wie ein „sicherer Hafen“ seid, von dem aus die Kinder die Welt entdecken. Sie können aber auch zurückkommen, wenn sie etwas brauchen. 

Und diesen Hafen brauchen die Kleinen auch in ihrem Kitaalltag.

Man hört in Zusammenhang mit der Kitaeingewöhnung häufig vom Berliner Modell. Wie läuft eine Eingewöhnung danach ungefähr ab? Gibt es noch andere Konzepte?

Melanie Eckert: Es gibt unterschiedliche Konzepte zur Eingewöhnung. Ein seit 30 Jahren verbreitetes und beforschtes Konzept ist das „Berliner Eingewöhnungsmodell“ an dem sich viele Kitas orientieren. Der Kern dieses Modells ist was ich eben beschrieben habe, also dass das Kind im Laufe der Eingewöhnung Vertrauen und eine Beziehung zu einer Bezugspädagogin (später können es auch mehrere sein) aufbaut und die Kita als sicheren Ort entdeckt. 

Während der Eingewöhnung nimmt sich die Bezugspädagogin gezielt für das Kind Zeit. 

Erst kommt die Mama oder Papa mit dem Kind nur für eine kurze Zeit in die Kita und sie spielen mit der Bezugspädagogin zu dritt. So können sich das Kind und Pädagogin langsam kennen lernen. Die erste Trennung erfolgt in der Regel nach drei oder vier Tagen für wenige Minuten und das Kind lernt, dass die Mutter oder der Vater wiederkommt.

Meist geht die Eingewöhnung zirka drei Wochen lang. Die Pädagogin übernimmt immer mehr die Rolle der Bezugsperson in der Kita. Sie spielt, tröstet, wickelt und isst mit dem Kind. Die Eltern sind immer noch als sicher Hafen im Raum oder in der Nähe. 

Das ist eine ganz schöne Leistung der Pädagoginnen! Sie müssen in dieser besonderen Phase immer auf die Bedürfnisse des Kindes achten, um Vertrauen zu gewinnen, die Eltern koordinieren und gleichzeitig die anderen Kinder im Blick behalten. 

 

Was sollte bei der Eingewöhnung unbedingt vermieden werden?

Melanie Eckert:

  • Keine Eingewöhnung zu machen. Es überfordert und ängstig Kinder, wenn sie ohne Eingewöhnung einfach in der Kita abgegeben werden. Sie haben noch nicht die kognitiven Fähigkeiten zu verstehen, dass sie später wieder abgeholt werden. Sie müssen erst im Beisein der Eltern die Erfahrung machen, dass sie dort gut aufgehoben sind. 
  • Auch eine monatelange Eingewöhnung, in der es zu keiner Trennung kommt, sollte vermieden werden. Wenn Ihr es nicht schafft, Euch von Eurem Kind zu trennen und Ihr selber zum Kita-Inventar gehört ist es ein Zeichen, dass die Eingewöhnung nicht gut verläuft. 
  • Unregelmäßigkeit. Wenn ihr die Hälfte der Eingewöhnungszeit fehlt, weil das Wetter so schön ist, wird es schwer das Kind an einen verlässlichen Rhythmus zu gewöhnen. Den benötigen aber die meisten Kinder, um gut in der Kita anzukommen und Vertrauen aufzubauen.

 

Wie können wir als Eltern unser Kind auf diesem Weg unterstützen? 

Melanie Eckert: Ein bewährtes Zusammenspiel besteht aus 1. Informieren, 2. Timing und 3. Struktur.

  1. Informieren: Ihr unterstützt Euer Kind und entlastet Euch selbst, wenn Ihr Euch vorab über das Thema informiert. Lasst Euch von der Kita deren Konzept erklären, was von Euch in der Eingewöhnung erwartet wird. Lernt am besten die zukünftige Bezugspädagogin kenne und tauscht Euch mit ihr aus. Die ersten Tage sind aufregend und wenn Ihr Euch sicher fühlt, strahlt Ihr das auch auf das Kind aus. 
  2. Timing: In der Realität ist es häufig schwer Job, Kind und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Aber jedes Kind ist unterschiedlich und so auch jede Eingewöhnung. Es kann daher extrem entlasten, wenn Ihr für die Eingewöhnung genügend Zeit, gewöhnlich drei bis vier Wochen, einplant. Sind nur ein bis zwei Wochen eingeplant und dann steht der neue Vollzeitjob an, kann es großen Druck und Frust bedeuten, wenn Euer Kind eigentlich noch etwas Zeit braucht, um in der Kita anzukommen. 
  3. Struktur: Klare Strukturen sind eine Unterstützung für Euer Kind. Daher entscheidet Euch lieber für eine Person, die die Eingewöhnung übernimmt. Das kann manchmal auch die Oma sein, wenn sie mehr Zeit hat und eine Bindungsperson für das Kind ist. 

 

Wie sollte man sich verhalten, wenn die Trennung einen selbst auch ein bisschen mitnimmt?

Melanie Eckert: Nicht nur die Kinder müssen eingewöhnt werden, sondern auch die Eltern! Meist ist es ja die „erste richtige Trennung“. Da sind gemischte Gefühle und die ein oder andere Träne darüber, wie schnell die Kleinen groß werden, verständlich. Unsicherheit und Trennungsschmerz übertragen sich allerdings schnell auf das Kind. Wenn Ihr euch nicht sicher seid, ob die Kita ein guter Ort für das Kind ist, kann es dem Kind umso schwerer fallen dort Fuß zu fassen. Damit solche Gefühle Euch nicht überraschen, kann es entlasten sich schon im Vorhinein mit anderen Eltern, der Familie oder den Pädagoginnen in der Kita darüber auszutauschen.

Was können wir tun, wenn unser Kind zum Abschied weint, partout nicht in die Kita möchte oder wir uns unwohl fühlen?

Melanie Eckert: Da es bei Mama und Papa doch immer am schönsten ist, ist ein bisschen Protest zum Abschied am Morgen verständlich. Auch wenn es für Euch hart ist den Abschied dann gut zu gestalten. Ein extremes in die Länge ziehen der Verabschiedung oder ein noch mal in die Kita gehen, um zu schauen, ob das Kind immer noch weint, sind meist kontraproduktiv. Sprecht Euch mit der Bezugspädagogin gut ab, wie Ihr ein morgendliches Abschiedsritual gestalten könnt. Das hilft dem Kind sich zu orientieren und Euch den Absprung zu schaffen.

Wichtiger ist, ob sich das Kind trösten lässt, wenn Ihr Euch verabschiedet habt. Verweigert ein Kind stundenlang Angebote und beruhigt sich überhaupt nicht, kann es ein, dass das Kind in der Kita nicht gut angekommen ist. Das kann viele Gründe haben und muss individuell betrachtet werden. Gemeinsam mit der Kita sollte dann überlegt werden, wie die Situation entlastet werden kann. Manchmal ist es auch sinnvoll die Eingewöhnung zu wiederholen, wenn sie zum Beispiel wegen langer Krankheit unterbrochen wurde. Vielleicht mag Euer Kind auch die zugeteilte Bezugspädagogin nicht, dann ist es sinnvoll über einen Wechsel nachzudenken.

Wenn Ihr merkt, dass Ihr Euch in der Kita nicht wohlfühlt, Ihr kein Vertrauen habt oder die Zusammenarbeit mit den Pädagoginnen schwer ist, kann auch ein Kitawechsel und Neuanfang sinnvoll sein.

Falls es zum Dauerthema wird, sind Familienzentren und Erziehungsberatungsstellen wunderbare Orte, an die ihr Euch mit Euren Sorgen wenden könnt.

 

Was sollte man am Nachmittag oder Abend nach der Kita machen?

Melanie Eckert: Die Kinder erleben in der Eingewöhnung viele Eindrücke, die verarbeitet werden müssen. Häufig sind sie danach erschöpft, müde oder völlig überdreht und brauchen kein endloses Nachmittagsprogramm.

Vielmehr gilt es für Quality Time zu sorgen! Kinder lieben Eure volle Aufmerksamkeit besonders, wenn die ersten Stunden getrennt verbracht wurden. Also nach Möglichkeiten im stressigen Alltag ein kleines Zeitfenster schaffen, wo das Handy aus ist und die Zeit zum gemeinsam Spielen und Kuscheln genutzt wird! Manchmal ist auch ein kleines Ritual schön, wie nach dem nach Hause kommen erst einmal ein Buch anzuschauen, um die Batterien wieder aufzufüllen. Dem nächsten aufregenden Tag in der Kita steht dann nichts mehr im Wege!

Über die Expertin: Melanie Eckert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der International Psychoanalytic University. Ihre Fokusgebiete liegen in der Bindungstheorie, der psychischen Gesundheit rund um die Geburt und der Eltern-Kind-Therapie. Als Beraterin begleitet sie Fachkräfte in Mutter-Kind-Einrichtungen, ist freiberuflich als systemischer Coach tätig und in der Ausbildung zur Psychotherapeutin. Zudem engagiert sie sich im medizinischen Beirat von Kinderheldin.de, einer großartigen Onlineberatungsplattform durch Hebammen.


 

Photo Credit: Carlo van Stek, reshot.com

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